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Das „200 Meilen-Rennen von Imola”

Die spektakuläre Gruppe der offiziellen 750 Imola in der Box des 200 Meilen-Rennens von 1972

Paul Smart und Bruno Spaggiari heizen auf der Geraden des „Autodroms am Santerno“

Smart und Spaggiari im Kopf-an-Kopf-Rennen

Bruno Spaggiari, Fabio Taglioni und Paul Smart am Ende des siegreichen Rennens

 
 

Das Geheimnis von Imola 1972

Oft hält die Geschichte völlig unerwartete Überraschungen für uns bereit - genauso wie in der Archäologie. Die detailgetreue Rekonstruktion der Ducati-Geschichte hatte Vieles mit den Ausgrabungsarbeiten eines Archäologen gemeinsam.
Nehmen wir Imola 1972 als Beispiel, ein Rennen, das nach wie vor voller Überraschungen steckt und das mir oft das Gefühl vermittelt, wie ein Archäologe an einem bereits bekannten Ort weiter zu graben, obwohl dessen Ressourcen eigentlich langsam aufgebraucht sein müssten.

Kürzlich stieß auf das offizielle Programm, das für die Veranstaltung des ersten „Santerno-Rennens" veröffentlicht wurde. Beim Durchblättern war mir nicht bewusst, dass ich mich in einen „Krimi" stürzen würde. Beim Nachschlagen der Liste der Rennteilnehmer, die mir bekannte Namen enthielt: Agostini, Brambilla, Tait, Read, Rutter, Spaggiari, Smart, Villa, Brettoni ..., doch plötzlich stachen mir dann zwei Namen ins Auge, die mit einer Ducati 750 registriert waren, sich an diesem Tag jedoch nicht auf der Rennstrecke einfanden: Barry Sheene und Gilberto Parlotti.

Ich fang also beharrlich an zu ergründen, warum diese beiden Rennfahrer letztlich nicht am Rennen teilgenommen hatten.
Doch lassen Sie uns mit den namhaften Ducati-Piloten anfangen: Bruno Spaggiari, Ermanno Giuliano und Gilberto Parlotti. Bekannterweise war Spaggiari der Fahrer, der die längste Zeit für das Unternehmen in Borgo Panigale an den Start ging, denn bereits 1955 nahm er mit der Marianna am „Motogiro" teil. Die zum jungen Nachwuchs gehörenden Giuliano und Parlotti waren dagegen Teil der Generation an Ducati-Piloten, die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre bereits auf einer Ducati 250 und ab 1971 abwechselnd ihre Hände an den Lenker der damals brandneuen 500 GP 1971 legten. Der einzige Unterschied zwischen den Beiden war, dass Ermanno Giuliano nicht nur als Rennfahrer, sondern auch als

offizieller Testfahrer für Ducati tätig war und somit als Firmenangestellter galt.

Was die ausländischen Piloten anbelangt, gehe ich davon aus, dass Ducati, oder vielmehr die aus Fabio Taglioni, Fredmano Spairani und Cosimo Calcagnile bestehende Firmenleitung, sich aus der verfügbaren Angebotsfülle einfach einige Kandidaten heraussuchten. Das „200 Meilen-Rennen von Imola" stand in der damaligen Zeit für ein gänzlich neues Rennkonzept, das sich an den berühmten „200 Meilen-Rennen von Daytona" inspirierte. Tatsächlich emigrierten damals zahlreiche britische Rennfahrer in die Vereinigten Staaten, um dort ihr Glück auf den Rennstrecken zu suchen. Smart gehörte ebenfalls dazu. Die Kontaktaufnahme mit ihm erfolgte telefonisch über seine Frau Maggie (Schwester von Barry Sheene), die ihm mitteilte, dass Ducati nach ihm suchte. Man hatte sie gebeten bei ihrem Mann schon einmal vorzufühlen, ob er an der Teilnahme an diesem neuen Rennen, auf einem speziell für ihn gebauten Motorrad, interessiert wäre. Smart, wie auch der Engländer Alan Dunscombe nahmen das Angebot an. Und Sheene? Was war aus ihm geworden? Ducati hatte sich damals tatsächlich mit dem jungen Sheene in Verbindung gesetzt, der jedoch letztlich beschloss, mit einer Triumph 2 am Rennen teilzunehmen, die unter den teilnehmenden Motorrädern als eines der Beste galt. Triumph konnte allerdings aufgrund seiner schwierigen wirtschaftlichen Lage den Forderungen von Barry Sheene nicht nachkommen, der daher schließlich nicht am Rennen teilnahm.

Über Gilberto Parlotti wissen wir dagegen, dass er 1971 einige Rennen auf einer 500 GP fuhr, von denen er ein inoffizielles Rennen in Skoja Locka sogar gewann. Parlotti war als Pilot den historischen Ducati-Mechanikern Giorgio Nepoti, Rino Caracchi und Franco Farnè sehr verbunden, fuhr aber dennoch nicht nur für Ducati. Er war so eine Art „Freelancer" im Motorradgeschehen, der an mehrere Marken gebunden war.

Einige mit dem Tuning der Motorräder für die „200 Meilen" beauftragte und von mir ausfindig gemachte Zeitzeugen bestätigten mir, dass mehr Motorräder vorbereitet wurden, als Fahrer zur Verfügung standen, weshalb Ducati versuchte, außer den

bekannten Namen auch Jarno Saarinen und Renzo Pasolini, die keine besonderes Interesse an dem neuen Motorrad zeigten, sowie Walter Villa zu verpflichten, der schließlich am Rennen teilnahm und als Dritter - auf einer Dreizylinder Triumph 750 - über die Ziellinie fuhr.

An dieser Stelle stellt sich die Frage, warum es Ducati nicht gelang, genügend Fahrer zu finden, um alle sieben für das Rennen vorbereiteten Motorräder auf die Strecke zu bringen. Die Antwort könnte folgendermaßen lauten: Die „200 Meilen von Imola" repräsentierten ein für die damalige Zeit gänzlich neues Rennen - das erste Rennen mit von der Serienproduktion abgeleiteten Rennmotorrädern. Die auf Seiten der Motorradhersteller spürbare Vorsicht war folglich legitim, da sich jeder Erfolg sofort auf die Verkaufszahlen niederschlug, was wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen konnte.
In diesem Zusammenhang darf man die Tatsache nicht unberücksichtig lassen, dass damals gerade der Boom der Maxi-Motorräder begonnen hatte und ein Erfolg in Imola eine große Nachfrage nach einem ganz bestimmten Motorradtyp nach sich gezogen hätte. Dies galt insbesondere für den Fall eines auf dem Ring heimgefahrenen Siegs. In jener Zeit bestand die zu fürchtende Konkurrenz aus englischen Mehrzylindermaschinen (Norton, Triumph, BSA) und japanischen Motorrädern (Kawasaki und Honda). Alle damaligen italienischen Motorradhersteller, die gerade ihre ersten Motorräder mit großen Hubräumen bauten (Guzzi, Laverda, MV, Ducati), versuchten dagegen anzukommen.
Ducati konnte folglich nicht auf ein „Sieger-Palmares" wie das der anderen Hersteller zurückblicken. Entsprechend schwierig war es auch, Fahrer zu finden, die ein ihnen unbekanntes Motorrad fahren wollten, das ihnen dazu noch nicht wettbewerbsfähig genug erschien. Doch, wie wir alle wissen, das Rennen sollte eine völlig unvorhergesehene Wende nehmen.

Aufgrund der Sachlage wurde beschlossen, die Piloten Spaggiari (9), Smart (16) und Giuliano (39) mit zwei Motorrädern und Dunscombe (45) mit einem Motorrad auszustatten.
Nur zur Auffrischung der Erinnerung: Smart und Spaggiari eroberten jeweils den

ersten und zweiten Platz (unvergesslich die Episode des Motorrads von Spaggiari, das mit leerem Benzintank die letzte Runde bestritt), während Giuliano sich aufgrund eines starken Fieberanfalls von Rennen zurückzog und Duscombe nur auf einem der hinteren Plätzen rangierte.

 

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